Bergbau im Frühling“

 

Verlangsamung und handlungsorientiertes Vorgehen in Supervision und Coaching –

Verlaufsbericht eines  Beispiels  aus der Praxis

 

Erschienen im Journal Supervision der DGSv Nr.4/2014,

Seite 5 und 6.

 

In einer Lehrerinnen-Coaching-Gruppe wird die Arbeitsbelastung durch den realistischen Aufbau und Abbau  eines Berges aus Stühlen sichtbar, greifbar und emotional fassbar.  Das Bewegen im Raum und der Wechsel der Perspektive   zwischen „dem Berg“ und dem  Blick auf die Natur  verändert das Gefühl für die  bevorstehende Arbeit und lässt die Haltung der Teilnehmerinnen zuversichtlich und gelassener  werden.

 

 

Strahlend, plaudernd und lachend kommen sie in den Seminarraum:

Sieben Lehrerinnen aus fünf verschiedenen Schulen finden sich zum monatlichen  Lehrer-Coaching ein.

In der Befindlichkeitsrunde äußern sich alle erholt und alles scheint zurzeit  gut und leicht. Wir hatten unsere Sitzung auf diesen zweiten Tag nach dem Ende der Osterferien gelegt. Danach frage ich wie üblich, ob eine von ihnen vielleicht ein Anliegen mitgebracht hat. Es gibt keins. In das Lachen darüber und in das Bewusstwerden dieses seligen Zustandes, der doch bitte lange anhalten möge, dringen plötzlich die Worte und das tiefe Seufzen einer  der Frauen: „ Der Sommerferienbeginn liegt  dieses Jahr sehr spät!  Ich sehe ihn da schon wieder auf mich zukommen, den großen Berg an  Arbeit, der im Laufe der nächsten Wochen immer mehr wachsen wird und bis zu den Ferien  wieder bewältigt werden will. Mir wird ganz schlecht.“ Auf einen Schlag ändert sich die Atmosphäre im Raum. Das Atmen wird hörbar und schwerer. Die Blicke der Einzelnen sind  ernst und nachdenklich.

Da ist das Anliegen. Ich frage die Lehrerinnen, ob sie mit mir heute an dem Berg arbeiten möchten. Sie wollen alle.

 

Der bedrohliche Berg

 

Wir beginnen mit der mir so wertvoll gewordenen  Aufforderung in der psychodramatischen Arbeit: „Steht doch bitte alle einmal auf!“ Ich spüre wie dieser Satz meine Kreativität in Gang bringt, bevor ich überhaupt weiß, wohin  sie mich führen wird. Ich bitte die Lehrerinnen,  ihre Stühle von der Mitte an den Rand des Raumes zu stellen,   an dem noch weitere Stühle stehen.  Die Mitte liegt jetzt groß und leergeräumt vor uns. Wir stehen im Kreis um sie herum.

„Welches ist der größte Felsbrocken, der jeweils vor Euch liegt?“ Fühlt einmal in Euch hinein!  Wir stehen eine kurze Weile so und die Blicke der Frauen sind in sich gekehrt. „Holt Euch  jetzt einen Stuhl und stellt oder legt ihn stellvertretend für eine große Aufgabe, Herausforderung oder auch Belastung  in die Mitte des Raumes!“

Die Frauen legen und stellen die  Stühle dicht nebeneinander. „Was ist es  noch, was als große Aufgabe vor Euch liegt?  Nehmt Euch weitere Stühle und legt oder stellt sie dazu!“.  Der  Stapel an Stühlen wächst  in die Breite und Höhe.  In die Ecke des Raumes habe ich bunte Tücher und mehrere Seile und Bänder gelegt. „Nehmt davon und legt es auf den Berg der  Stühle für weitere und vielleicht eher kleinere  Aufgaben,  die anstehen werden. Wählt Farben und Material, die  für Euch dazu passen!“

Schweigend und immer einmal wieder innehaltend und dann wieder ganz forsch gehen die Frauen zu Werke  und  das kuriose Bauwerk wächst heran.

Ich frage noch einmal: „Was ist es noch, was Euch bevorsteht?“

Die Frauen sind schließlich alle zur Ruhe gekommen und  schauen auf den Berg aus verschiedenen ineinander verkeilten Stühlen und ausgebreiteten und herabhängenden bunten Tüchern und Seilen. „Mehr ist es nicht!“ sagt eine von ihnen, die anderen nicken.

Ich fordere dazu auf, um den Berg herum zu gehen, ihn  zu betrachten und auf sich wirken zu lassen. „Ich finde ihn bedrohlich hoch!“ sagt eine der Teilnehmerinnen und eine andere: „Von hier sieht er viel breiter als von dort aus!“ Er ist etwas höher als die Frauen selbst und hat einen Durchmesser von ungefähr zwei Metern.

Ich fordere die Frauen auf, einmal ganz nah heran zu gehen. „Jetzt verliere ich total den Überblick! Ich sehe keinen Anfang und kein Ende. Das fühlt sich unangenehm und irgendwie beängstigend an.“

Jetzt  ermutige ich die Frauen, die eigene richtige Distanz für sich  heraus zu finden, so, dass es sich besser und gut anfühlt. „Von hier ist er für mich überschaubar und besser auszuhalten. Doch ich finde ihn ganz schön groß!“

Schließlich rege ich die Frauen dazu an, sich einmal auf den Boden zu setzen und von dort aus den Berg auf sich wirken zu lassen. Allen ist  er jetzt erst recht viel zu groß und irgendwie noch bedrohlicher. „Ich möchte ihn lieber nicht mehr sehen!“ sagt eine der Lehrerinnen und dreht sich auf dem Boden sitzend von ihm weg und blickt an die Wand. Die anderen folgen ihrem Beispiel.  Eine sagt: „Ich bin froh, dass ich ihn nicht mehr sehe, doch ich spüre ihn ganz deutlich in meinem Rücken!“

Schließlich sagt eine der Frauen, mit ruhiger und froher Stimme in den Raum: „Ich kann von hier durch das Fenster ins Grüne schauen!“

 

Plötzlich eine Aussicht

 

Wir stehen alle in einer Reihe und blicken schweigend hinaus. Durch zwei gekippte Fenster zieht leicht kühle Frühlingsluft herein. Wir hören die Vögel zwitschern. Vor uns liegt in der Ferne ein an das Grundstück des Seminarhauses grenzender Wald. Davor eine große Rasenfläche  in frischem Grün und in einiger Entfernung eine hölzerne Sitzgruppe um einen Tisch unter einem Baum. In die Stille frage ich: „Was fühlt  oder denkt ihr jetzt?“

Schließlich sagt die Erste: „Ich habe gerade das Gefühl, dass   ich dort oben auf dem hohen Baumwipfel der Tanne dort hinten sitze. Das ist ganz irre und wunderbar!“  Die Nächste: „So viel Grün!“ Und eine andere: „Mir kommen gerade fast die Tränen. Was ist es schön dort draußen!“

Wir lassen uns viel Zeit, schauen und schweigen. Der eine und  andere Satz wird gesprochen. Ruhe und hin und wieder ein tiefes Ein-und Ausatmen breiten sich  aus.

„Ich bekomme Lust, mich dort zu bewegen, zu riechen, zu spazieren.“ Wir beginnen ganz entspannt uns darüber auszutauschen, was wir alle gerne draußen tun und welche Elemente der Natur,  die eine oder andere besonders liebt.  „Ich wohne ja ganz nah an der Nordsee und springe schon früh im Jahr für kurze Zeit ins  eiskalte Wasser.“ 

„Ich arbeite gerne im Garten. Ich liebe den Geruch der Erde. In den Osterferien habe ich ein Gewächshaus  gebaut.“

Wir sprechen über den förderlichen Effekt starker Reize wie Wind, Sonne, Kälte, Wasser und mehr. Wie gut es ist,  durch ihre Kraft  und durch handwerkliches Tun immer den Kopf vom Denken und Grübeln frei zu bekommen. Dabei stehen wir weiter ruhig und blicken hinaus.

 

Der Berg der Arbeit: nur noch ein Hügel

 

Ich bitte die Frauen sich langsam wieder umzudrehen. Wir blicken auf den „Berg der Arbeit“.

„Er wirkt jetzt viel kleiner auf mich!“ Die anderen bestätigen diesen Eindruck ihrer Kollegin. Sie lachen. Was ist passiert? Der Perspektivwechsel, die Abwendung vom Arbeitsberg, das Einlassen auf die Schönheiten der Natur haben unseren Blick auf das Bevorstehende und Belastende offenbar verändert. „ Ich habe Lust jetzt anzupacken und etwas von diesem Berg abzubauen.“ So wie dieser Teilnehmerin   ergeht es auch den anderen. Jede von ihnen nimmt einen ersten Stuhl vom  Berg und stellt ihn in eine Ecke des Raumes hinter uns. „So ist es schon viel überschaubarer!“ verkündet eine von ihnen. „Das, was jetzt noch da ist, wird sicher noch länger bleiben“, meint eine andere. „ Mir ist es viel zu durcheinander. Ich möchte es ordnen und sortieren!“ sagt daraufhin eine weitere. Sie  trennt die zwei Sorten von Stühlen und stellt sie in zwei Reihen zu jeweils  sechs Stühlen gegenüber. „ Ich hätte es  lieber rund“, sagt die nächste und stellt die Stühle abwechselnd zu einem Kreis zusammen.

So finden es schließlich alle gut. „Und davon arbeite ich  jetzt ein Stückchen nach dem anderen ab. Dazwischen mache ich  immer wieder eine Pause und schaue auf das, was es sonst noch gibt in meinem  Leben, in der Welt, in der Natur,“ spricht eine aus und fasst damit unsere gesammelten Erkenntnisse dieser Sitzung zusammen. Ich fordere schließlich dazu auf, die restlichen „Aufgaben“ jetzt abzubauen und auch diese Stühle weg zu stellen. Jetzt  stehen wir wie am Anfang im Kreis. Wir rücken zusammen und blicken auf die freie Fläche am  Boden und schweigen. „Das sind die Sommerferien!“ sagt eine der Lehrerinnen und strahlt.  Erleichtertes Lachen.

 

 

Inge-Marlen Ropers