Weniger ist manchmal mehr!

 

Beschreibung eines Einzel- Supervisons- und Coachingprozesses aus der Perspektive der Supervisorin/Coach mit einer Krankenschwester (58 Jahre), die  seit zehn Jahren  in der Position  der Stationsleitung  ist und sich zunehmend belastet und verzweifelt fühlt.

 

Erschienen in cne.thieme.de/ CNE.fortbildung 4/2017,

Seite 14-16

 

Frau B. und ich begegnen uns zum ersten Mal Im Rahmen eines zweitägigen Konfliktmanagementseminars. Sie fällt mir gleich durch ihre reflektierte, feinfühlige Art und ihr sicheres kommunikatives Auftreten auf. Das Bild einer warmherzigen engagierten und sehr berufserfahrenen  Leitungspersönlichkeit entfaltet sich in mir. Erst im Laufe des zweiten Seminartages klingen zusätzliche eher emotional belastete und sich schwer anfühlende Töne und Facetten  in den Beiträgen von Fr. B. mit an.

Nach dem Seminar am zweiten Tag fragt Sie mich unter vier Augen, ob ich für Einzelsupervisionen mit ihr Zeit hätte. Wir besprechen die Möglichkeiten und Bedingungen.

 

Erstes Treffen

 

In unserer ersten Sitzung kommen  wir rasch zu Ihrem konkreten Anliegen: Fr. B. ist Zeit ihres Berufslebens als Krankenschwester tätig. Sie arbeitete durch familiäre Umzüge bedingt an verschiedenen Kliniken, hatte für die Geburt und Erziehung von zwei Kindern nur kurze Auszeiten genommen und ist nach eigenen Aussagen mit Leib und Seele in ihrem Beruf tätig. Seit 10 Jahren ist sie in der Leitungsposition auf einer gynäkologischen Station. Sie fühlt sich in dieser Position und für Ihr pflegerisches Wissen, vor allem in ihrer Qualifikation als Breast Care Nurse (Qualifikation für die Begleitung von Frauen mit Brustkrebserkrankungen) von Patientinnen, Kolleginnen und Ärztinnen und Ärzten  geschätzt.

In den letzten drei Jahren spüre sie jedoch, wie sehr ihr strukturelle Veränderungen in der Klinik, die gerade überstandene Zertifizierung im Rahmen des Qualitätsmanagements auf ihrer Station und der Wechsel an Pflegekräften mehr und mehr zu schaffen mache und viel Kraft gekostet habe. Sie freue sich einerseits über alle neuen jungen Kolleginnen, die auch frischen Wind und anregendes aktualisiertes Pflegewissen ins Team tragen. Andererseits  bereite ihr jeder Personalwechsel mehr  Verlustgefühle als noch vor Jahren und irgendwie sei sie des ständigen Loslassen und wieder Einlassens auf Menschen zunehmend müde.

Diskussionen und auch schon mal Streitereien um den Dienstplan, den Urlaubsplan und die derzeitige  Zusammenarbeit mit dem neuen launischen Oberarzt, an den sie sich überhaupt nicht gewöhnen könne, belaste sie sehr. Manchmal sei sie in letzter Zeit so lustlos, dass sie innere Vermeidungstendenzen bei sich wahrnehme  und sich häufiger morgens frage, ob sie sich einfach mal krank melden solle, was doch bisher so gar nicht zu ihr gepasst habe. „Es ist einfach alles zu viel! Dazu noch die Krankheit meines Mannes, ich kann das nicht mehr, ich glaube, ich bin für das alles zusammen zu alt!“ bricht es jetzt aus ihr heraus und sie weint. Ich rücke meinen Stuhl ganz ruhig ein wenig um den kleinen Tisch herum, ein bisschen näher an sie heran und Seite an Seite  lasse ich sie alles „herausweinen“. Dann atmet sie tief durch, schaut mich an und fragt, jetzt wieder gefasster: „Wie soll es so mit mir weitergehen?“

„Wir können zusammen gehen und schauen, ob wir dabei eine Idee bekommen, wie es denn „gehen“ könnte!“ ermuntere ich sie.  Wir stehen auf und bewegen uns zusammen, nebeneinander durch den Raum. Ich fühle mich dabei auch körperlich in Frau B. ein und  spüre mehr und mehr die große Last, die sie trägt. „Wie wäre es, wenn Sie hier einfach einmal alle ihre Aufgaben  hinlegen und ablegen?“ Sie schaut nur kurz erstaunt und lächelt dann: „Ja, das wär schön!“

 

Für jede Aufgabe ein Tuch

 

Ich lege aus einem Tau ganz spontan einen Kreis im Durchmesser von etwa zwei Quadratmetern auf die freie Fläche im Raum: „Das ist Ihre berufliche Arbeit! Nehmen Sie doch bitte von den Tüchern dort im Korb für  jede Ihrer Aufgaben eines und legen es entfaltet, so groß wie sie die jeweilige Aufgabe gerade sehen,  hier in den Kreis hinein. Schauen Sie, welche Farbe für Sie am besten dazu passt!“ Sie zögert keinen Moment und nimmt ein rotes Tuch und legt es relativ mittig in den Kreis: „Das ist meine Aufgabe als Breast care nurse, die liebe ich am meisten,  deshalb wähle ich rot. Sie legt das Tuch zusammengeknäuelt nieder. „Ich würde es gerne ganz entfaltet und groß dort hinlegen, doch mir bleibt im Alltag gar nicht mehr so viel Zeit dafür und meine Kollegin Ute übernimmt ja inzwischen mehr und mehr diese Aufgabe. Das blaue hier ist meine Aufgabe als Stationsleitung, das braucht viel Platz. Da möchte ich noch ein gelbes dazu nehmen, das ist für die  „Seelsorge“, die ich für meine Mitarbeiterinnen aufbringe. Da gibt es mehrere, die selbst so viel privates Schweres haben, dass ich mich gut um sie kümmern muss und will. Das dunkelblaue Tuch ist für meine Funktion als Medizingerätebeauftragte. Das Grüne hier für mich als QM-Beauftragte. Oh, dass braucht Platz. Dies türkisfarbene  nehme ich noch zusätzlich für die regelmäßigen Mitarbeitergespräche.“ Sie seufzt und atmet schwer. Es gibt kaum noch Platz im Feld auf dem Boden. „Oh, und die Pflege der Patientinnen, da mach ich ja auch noch gerne immer wieder mit. Das brauche ich, sonst habe ich kein Gefühl mehr für meine Aufgabe und weiß gar nicht welche Patienten, d.h. welche Menschen und Persönlichkeiten  wir auf der Station haben. Den Kontakt will ich einfach. Ich bin doch auch Krankenschwester und nicht nur Managerin und Bürofachfrau!“ Der Rahmen ist schließlich völlig ausgefüllt. Die unterschiedlich groß ausgelegten Tücher überlappen sich stellenweise. Es ist kein Boden mehr zu sehen und kein freier Quadratzentimeter mehr  erkennbar.

 

Ich gehe mit ihr einwenig weg vom Kreis und bitte sie jetzt einmal darauf zu schauen. „Schön bunt, aber auch prall voll!“ lacht sie eher gequält.

 

Und wo ist Platz für Privates?

 

Ich gebe ihr ein zweites, ein rotes Seil in die Hand: „ Dies ist Ihr Privatleben, legen Sie es einmal um das Ganze herum, mit so viel freiem Platz und Abstand wie sie es wahrnehmen!“ Sie geht völlig in Gedanken versunken an die Aufgabe. Führt das Seil um das Tau und lässt jeweils nur wenige Zentimeter frei. Bis auf eine Stelle an der es eine Ausbuchtung macht. „Das ist der Platz für meinen Mann und für meine Kinder, die sind mir schon sehr lieb und wichtig.“ „Legen Sie doch bitte je ein Symbol für die drei  dort hin!“ Sie nimmt  aus  dem Angebot von mir auf dem Tisch eine Filzblume für ihre Tochter und ein Matchbox-Auto für ihren Sohn. „Die sind erwachsen und kommen gut zurecht. Leider wohnen sie zu weit weg und sind immer viel unterwegs und kommen nur selten“.

Sie schaut sich nochmals um und greift schließlich zu einer Vase, die in der Ecke des Raumes steht und von der  am oberen Rand deutlich eine Ecke abgebrochen ist und stellt sie dazu. „Das ist mein Mann. Er ist vor einem  Jahr an Krebs erkrankt. Zurzeit geht es, doch wir hatten so schwere Monate und die Angst, dass der Krebs  zurückkommt, lässt mich nicht los.“ Sie braucht einen Moment,  um sich zu sammeln.

„Mehr Platz ist da tatsächlich nicht. Ich bin so nah dran an meinem Beruf und mein Privatleben ist so ein schmaler Raum. Das kann doch nicht sein. Ich habe auch lange und gern im Chor gesungen. Das war eine so tolle Zeit. Doch im letzten Jahr habe ich das aufgegeben. Die Erkrankung meines Mannes, die Arbeit; ich war zu oft kaputt, um Dienstagsabends  noch zur Probe zu gehen oder gar am Wochenende mal bei einer Aufführung mit zu singen. Da war ich dann einfach irgendwann raus. Oh, wie schrecklich. Da ist ja so gut wie nur Arbeit, wenn ich genau hinschaue!“ 

Frau B. hatte es schon länger gespürt, doch es jetzt noch einmal zu sehen und es  in den Händen gehabt und hingelegt zu haben, eröffnet eine weitere tiefere Bewusstseinsebene. Das Diffuse und Übermächtige  wird konkreter „greifbar“.


„So kann es nicht bleiben! Ich brauche mehr Luft, mehr Raum für mich, das will ich so nicht. Da muss was weg!

 

Platz schaffen für Privates

 

„Nehmen Sie etwas raus!“ ermutige ich Sie. Sie fasst erst zögerlich nach dem Tuch der Medizinbeauftragten, dann schon entschlossener nach dem der  QM-Beauftragten. Es entsteht jetzt ein wenig mehr freier Raum. „Ich könnte mehr delegieren! Doch irgendwie  hängt einfach auch alles an der Stationsleitung dran!“. „Nehmen Sie das Tuch  ruhig einmal in die Hand“ fordere ich Sie auf. Sie knetet, rollt und faltet das blaue Tuch  zwischen ihren Händen hin und her.

„Es sieht so hübsch aus und fühlt sich doch gar nicht immer so gut an für mich. Ich möchte es am liebsten gerade wegpacken!“ Sie legt es beiseite, schweigt und seufzt.

 

„Wie ist es für Sie,  jetzt auf Ihr Berufsleben zu schauen“, frage ich. „Ach!“, atmet sie tief aus, „So ist es viel leichter“. „Wo spüren Sie im Körper gerade die Erleichterung?“ „Meine Brust wird freier, mein Nacken entspannt sich. Es ist als könnte ich gerade wieder aufrechter stehen“, sie atmet abermals laut aus und lächelt. Ich gebe ihr Zeit,  diesen Zustand zu spüren und zu genießen. Sie steht am Rand ihres Berufs-und  Privatlebens und schweigt.

„Wenn es jetzt gerade gut so für sie ist, dann nehmen Sie noch ein letztes Mal dieses Bild in sich auf und räumen dann bitte alles in Ruhe wieder ab!“

Sie faltet die Tücher zusammen, rollt das Tau und das Seil wieder auf und stellt die angeschlagene Vase behutsam an ihren Platz zurück.

 

Wir setzten uns an den kleinen Tisch. Frau B. erscheint jetzt ganz ruhig, noch berührt und dabei gleichzeitig entspannt. Ich schlage vor, dass Sie alles in Ruhe nachwirken lässt und wir uns in der nächsten Sitzung in vier Wochen wiedersehen.

 

Zweites Treffen

 

In der zweiten  Sitzung verkündet Frau B., dass sie sich nach mehreren  Gesprächen mit ihrem Mann und schließlich mit der Pflegedirektorin entschlossen habe, ihre Leitungsaufgabe abzugeben und als „normale“ Pflegekraft auf der Station weiter zu arbeiten. Seit dieser Entschluss gefallen ist,  sei sie erleichtert und wieder hoffnungsvoller. Sie sei nur froh, wenn der Tag der Übergabe ihres Amtes an ihre Stellvertreterin und Ernennung dieser zur Leitung vollzogen ist. Wir besprechen, dass ich sie in diesem Prozess des Rollenwechsels noch in den weiteren Supervisions-Sitzungen begleiten werde.

Es zeigt sich dabei im Verlauf, dass es für Frau B., für ihre Nachfolgerin und für das Team schließlich unterstützend ist, dass Frau B. auf eine andere Station wechselt. Die Einnahme der jeweils neuen Rollen wird dadurch für alle einfacher.

 

Nach der fünften Sitzung beenden wir die Supervisionen und wir vereinbaren noch einen Termin in einem halben Jahr. Frau B. erscheint an diesem Tag gefestigt, entlastet und noch immer sehr froh über  ihren vollzogenen Schritt: „Jetzt erlebe ich, dass manchmal weniger eher mehr ist und kann es inzwischen gut für mich akzeptieren! Und - im Chor singe ich auch wieder!“

 

 

Inge-Marlen Ropers